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BILDUNG/WISSEN, WELT AM SONNTAG, 27. NOVEMBER 2005
Allein in Nordrhein-Westfalen bieten bereits 52 Schulen Allein in
Nordrhein-Westfalen bieten bereits 52 Schulen Tanzunterricht an.
Weil es Spaß macht Spielend lernen: Da Tanzen gut für das intuitive Erfassen von
Situationen ist und die soziale Kompetenz fördert, kommt es nun auch häufiger in
die Lehrpläne deutscher Schulen.
Von Michaela Schlagenwerth.
Als in diesem Sommer Schüler in Nordrhein-Westfalen befragt wurden, warum sie am
für das neue Schuljahr eingeführten Tanzunterricht teilnehmen wollen, kamen
Antworteten wie diese: „Wer tanzen kann, ist cool.“ Oder: „Ich möchte einmal ein
berühmter Tänzer werden.“ Aber auch: „Mal sehen, keine Ahnung.“ Das war, bevor
der Unterricht startete. Acht Wochen später hatten die Schüler an allen fünf
untersuchten Schulen die Mutmaßungen vergessen. Die einhellige Antwort in einer
zweiten Umfrage lautete nun: „Ich mache mit, weil es toll ist, weil es Spaß
macht.“ „Diese Antwort“, sagt Linda Müller, „ist die beste Bestätigung, die wir
für unsere Arbeit bekommen können.“ Denn soviel man beim Tanz auch lerne – von
der Bewegungskoordination, über das intuitive Erfassen von Informationen bis zur
sozialen Kompetenz – für die Kinder sei es vor allem Freude und deswegen kein
wirkliches Lernen mehr.
Linda Müller ist die Leiterin des Projekts „Tanz in Schulen in NRW“. Vor drei
Jahren, als die Diskussion um die offene Ganztagsschule begann, hat sie mit
ihrer Arbeit begonnen. Nordrhein-Westfalen wurde damit zur Speerspitze einer
Bewegung, die unabhängig voneinander an verschiedenen Orten entstand, immer
weiter um sich greift und bei der kein Ende abzusehen ist: Tanzunterricht in
Schulen boomt.
Vor allem der Dokumentarfilm „Rhythm Is It“ von Thomas Grube und Enrique Sanchez
Lansch hatte die Möglichkeiten, die Tanzunterricht eröffnen kann,
bekanntgemacht. Eindrücklich zeigt der Film, wie sich das Leben einiger Schüler
durch ein Projekt des Dirigenten Simon Rattle und der Berliner Philharmoniker
verändert.
Gemeinsam mit dem Tanzlehrer und Choreographen Royston Maldoom und Schülern
unterschiedlichster Berliner Schulen erarbeiten die Berliner Philharmoniker
jedes Jahr eine große gemeinsame Tanzaufführung. Der Film hat Furore gemacht, es
gibt ihn nicht nur als DVD im Videoladen, sondern, mit zusätzlichen Materialien
für Lehrer und Schüler ausgestattet, auch als Sonder-DVD für Schulen und andere
Bildungseinrichtungen.
Für die plötzliche Popularität von Tanzunterricht an Schulen hat die
italienische Tänzerin und Choreographin Livia Patrizi zwei ebenso einfache wie
einleuchtende Erklärungen parat: Kinder eignen sich die Welt zum einen noch
stark über den Körper an. Aber die Welt bietet den Kindern immer weniger für
eine solche körperliche Aneignung. Und Tanz ermöglicht zum anderen ein Lernen
ohne Leistungsdruck. „Auch im Sport steht am Ende doch im Vordergrund, wer
schneller laufen, weiter springen kann. Im Tanz jedoch geht es erst einmal nur
darum, was man selbst davon hat.“ Kreatives Lernen könne nur so funktionieren:
Indem man bei der jeweils eigenen Neugier und Lust der Kinder und Jugendlichen
ansetzt und ihnen die Möglichkeit bietet, von sich aus etwas weiterzuentwickeln.
Livia Patrizi, die früher bei der berühmten Pina Bausch tanzte, hat im
vergangenen Jahr in Berlin die Initiative „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“
gegründet. Sie rief bei der Berliner Senatsverwaltung an, um einmal
nachzufragen, was man dort von der Idee halte, Tanzunterricht in Schulen
einzuführen. „Genau so etwas fehlt in Berlin“, war die Antwort. Und dann, so die
gebürtige Neapolitanerin, habe sie gar nicht fassen können, wie schnell alles
ging. Seit kurzem wird an 25 Berliner Schulen – finanziert durch den Senat,
elterliche Eigenbeteiligung und Förderinitiativen – Tanzunterricht gegeben.
Erfahrene Tanzpädagogen, aber auch Künstler wie die Choreographin Sasha Waltz
sind beteiligt. In NRW hatte man bereits 2003 begonnen, 52 Schulen bieten dort
mittlerweile Tanzunterricht an. Auch in Bremen, München oder Stralsund steht
Tanzen auf dem Stundenplan. Vergangene Woche haben sich die einzelnen Gruppen
zur Bundesinitiative „Tanz in Schulen“ zusammengeschlossen. Zehn Bundesländer
sind bislang beteiligt. Fast bei jeder Initiative war irgendwann
der Brite Royston Maldoom zu Gast. Er ist so etwas wie der Guru der deutschen
Tanzpädagogik geworden. Denn er zeigt in seiner Arbeit, daß nicht nur Schüler,
sondern auch Lehrer etwas riskieren müssen, wenn etwas Neues geschehen, sich
etwas entwickeln und verändern soll. Zuletzt hat Maldoom schwer erziehbare
und behinderte Jugendliche zu einem Tanzprojekt zusammengebracht und dabei große
Erfolge erzielt. Der Film „Mad Hot Ballroom“, unlängst in den Kinos gestartet,
berichtet von einem ähnlichen Engagement an New Yorker Schulen. Dort ist zwar
vieles anders, aber eines gleich: die Begeisterung der Schüler.